Die FAZ veröffentlichte in Ihrer Ausgabe vom 21.12.2008 eine kritische Analyse des Passivhausbaus unter Einbeziehung von Nutzererfahrungen. Die Verfasserin schreibt mit Recht, dass die Passivhaus-Nutzer anspruchsvoller geworden sind. Die Branche hat sich durch ihre Lockungen und Versprechungen dieses Klientel selbst herangezogen. Im Schlusssatz gibt einer der Anbieter zu, dass man aufpassen muss, dass "man den Leuten nicht die eierlegende Wollmilchsau verkauft".

Ich habe mich immer schon gewundert, wie wenig öffentliche Kritik diese Branche einstecken muss. Anscheinend sind Passivhäuser Wunderhäuser, die das Leben per se aufwerten und so nebenbei die Welt von der CO2-Plage befreien. Die erste Generation der Passivhaus-Nutzer hat sich vor den Architekten und selbsternannten Passivhaus-Päpsten zum Teil tief verneigt. Sie hat sich von Preisen, die von Architekten in Wettbewerben gewonnen wurden, blenden lassen. Aber diese Zeit scheint sich dem Ende zuzuneigen. Die Zeit der "Early Adopters" - das sind diejenigen, die die Nachteile einer Neuheit widerstandslos schlucken, weil sie das neue Spielzeug unbedingt besitzen wollen - ist für die Passivhausbranche passé. Je stärker sich die Idee des Passivhauses verbreitert, desto mehr übernimmt das hinterfragende Publikum das Regiment. Dieses Klientel ist nicht mehr bereit, die Schwächen in der Planung und Bauausführung sowie dauerhafte Einschränkungen im Wohnkomfort widerstandslos hinzunehmen. Die Pioniere der Branche stehen dieser Welle recht hilflos gegenüber, waren sie es doch gewohnt, allein durch ihre Autorität jegliche Kritik von vorherein abwürgen zu könnnen.

Als wir unser Passivhaus (das erste in Oberursel/Ts.) im Jahr 2006 bauten, fühlten wir uns noch als Pioniere. Wir waren bereit, uns auf dieses "Abenteuer" einzulassen. Wir sind uns sicher, dass wir mit dem heutigen Wissen einiges anders gemacht hätten. Als Beispiel für das in der Branche weiterhin verbreitete autoritäre Gehabe, das den Nutzer lediglich zum Nutzer, nicht aber zum partnerschaftlichen Lieferanten wertvoller Erfahrungswerte bestimmt, möchte ich den folgenden Vorgang schildern.

Bei uns wurde eine Lüftungsanlage incl. Zu- und Abluftsystem installiert, über die gleichzeitig die Raumluft erhitzt wird. Über ein so genanntes "Raumbedien-gerät" können wir die Raumtemperatur einstellen. In der Ausführungsplanung - durchgeführt durch den Hersteller der Lüftungsanlage in Kombination mit dem Architekten - wurde das Raumbediengerät an einer Außenwand (innen) und nahe einem Fenster geplant. Der Installateur der Lüftungsanlage setzte das Gerät dann auch prompt neben einem Fenster an die Außenwand. Im Winter kommt es dadurch zu deutlichen Temperaturdiskrepanzen. An normal kalten Tagen (bedeckt, Außentemperatur um Null bis -5 Grad) signalisiert der Temperaturfühler der Lüftungsanlage eine um etwa zwei Grad zu kalte Innentemperatur. Die Lüftungsanlage bullert hoch und heizt das Haus völlig überflüssigerweise mit Hilfe der direktelektrischen Zusatzheizung (PTC-Element) permanent auf. Eine direktelektrische Heizung ist so ziemlich die umweltschädlichste und teuerste Heizart. Noch anders ist es an eiskalten Tagen (Temperatur im Bereich von -5 bis -15 Grad) wie in der ersten Januar-Hälfte. Der Temperaturfühler an der Außenwand (innen) zeigt 16 Grad. Wenn während solcher Tage aus dem Urlaub zurückkommt und das Thermostat wieder auf Normaltemperatur dreht, dauert es Tage, bis das Haus wieder warm ist. Die Innentemperatur schafft es zunächst nur auf Werte zwischen 18,5 und 19,5 Grad. Nachfolgend zeigen wir den Verlauf der Innentemperatur in unserem Haus (erste Januar-Hälfte 2009). Die Außentemperaturen bewegten sich zum Großteil im Bereich von -5 bis -15 Grad.

2009.01.19.temperatur.innen

Fazit: Im Winter kriegt man das Passivhaus an eiskalten Tagen nicht richtig warm, wenn man es zuvor (z.B. wegen Urlaub) zurückgedreht hat. Außerdem müssen die Planer darauf achten, eine schattige Innenwand als Ort für den Temperaturfühler vorzusehen. Auf Nachfrage wird dann vom Planer geantwortet, dass man ja das Anbringen des Temperaturfühlers an der Innenwand empfehle. Aber warum hat der gleiche Planer dies vor zwei Jahren in der Ausführungsplanung nicht berücksichtigt?

Der zweite Punkt betrifft die sogenannte Überströmung. Bei uns haben die Planer im oberen Geschoss lediglich eine Zuluft eingeplant, obwohl dort zwei getrennte Zimmer existieren. In allen anderen Geschossen gibt es pro Zimmer (außer Bädern) eine Zuluft. In dem Zimmer ohne Zuluft ist es zu kalt (im Winter frühmorgens etwa 17,5 Grad; im Extremwinter wie Anfang bis Mitte Januar etwa 16,5 Grad, tagsüber steigt die Temperatur im Extremwinter nicht über 17,5 Grad). Die Überströmung funktioniert nicht. Auch hier gibt es nur ausweichende Antworten. Der Fehler ist selbstverständlich nicht auf Seiten des Lüftungsanlagenbauers gemacht worden, sondern wird auf andere am Bau Beteiligte geschoben. Wahrscheinlich sind wir als Bauherrn noch Schuld, weil wir angeblich Wesen und Weltanschauung eines Passivhauses nicht verstanden haben.

Die Zeiten, in denen sich Passivhauskunden alles gefallen lassen, sind endgültig vorbei. Es wäre gut, wenn Passivhausbauer und Komponentenlieferanten von Passivhäusern sowie die Architekten, die sich mit dem Passivhausbau befassen, dies zur Kenntnis nehmen würden. Dann würde ein ehrlicherer Umgang mit dem Kunden erfolgen. Das ist aus meiner Sicht der einzig gangbare Weg, den die Branche jetzt gehen kann und gehen muss. Kommentare und das Schildern eigener Erfahrungen sind erwünscht.

Robert Rethfeld
Wirtschaftsjournalist (DJV)